Echt Tough? Ganz schön schwach!

Aktualisiert: Mai 26



Können Sie sich noch an den Film Wall-Street erinnern? 1987 spielte Michael Douglas alias Gordon Gekko in die Köpfe der frisch geschlüpften Yuppies. Skrupellos, mit dem Durchzug eines Lamborghini, aalglatt und stahlhart kämpfte er sich im Armani-Anzug von Deal zu Deal. Zur gleichen Zeit wurde der Begriff Manager geboren. Und nur kurze Zeit später zum Synonym für Erfolg. Mehr noch: zu einem kompletten Lifestyle. Es war diese kühle Zeit der End-Achtziger, in denen dabei ein Irrglaube entstand, der uns noch heute zu schaffen macht...

Der Irrglaube ist nur ein kurzes englisches Wort. Undramatisch im Klang - dramatisch in der Wirkung: tough.

Sind Sie tough? Und wenn ja, sind Sie stolz darauf? Und wenn ja, warum...?

Ich hab mich das oft gefragt. Und geglaubt, daß ich das als junge Chefredakteurin mit 33 Jahren, wohl sein müsste. Am Ende hat mich vielleicht die Erziehung meiner sehr menschenfreundlichen Eltern davor bewahrt, es wirklich zu werden. Und das wacklige Fundament der falsch verstandenen Härte hat sich dann im Coaching mit Philipp Heider verabschiedet.

Aber wie konnte es überhaupt zu der Popularität der Toughness kommen? Und wieso hält sie sich bis heute hartnäckig und suggeriert (nach meiner Erfahrung mit einem rein weiblichen Team) besonders uns Frauen gerne von Nöten zu sein? Oder schlimmer noch: eine erstrebenswerte Attitüde zu sein. Ich glaube es liegt an den Versprechen, die „tough“ zu geben scheint: daß es sich nicht darum schert, was andere von ihm denken. Dass es sich durchsetzen kann, auch gegen die, die lauter brüllen. Dass es „Nein!“ und „Nicht mit mir!“ sagen kann, ohne mit der Wimper zu zucken. Und, dass es sich einfach alles zutraut...

Für Frauen, die durch ihre Erziehung meist eine etwas ausgeprägtere Empathiefähigkeit und dafür eine niedrigere Konfliktbereitschaft besitzen, tatsächlich Dinge, die eher mal schwer fallen. Sich hinter eine Sache zu stellen. Schnell, präzise und leise Höchstleistungen zu bringen. Alles mühelos selbstverständlich für uns Frauen. Sich mit den Fäusten auf die Brust zu trommeln und das größte Stück vom Kuchen nehmen: ganz und gar nicht so selbstverständlich. Da könnte dieses kleine englische Wörtchen doch wunder wirken, oder? Ich glaube: ganz und gar nicht...

Bitte nicht falsch verstehen! Ich möchte hier keine Klischees bedienen. Ich kann nur über das sprechen, was ich erfahren habe. Sicher gibt es auch eine Menge Frauen, die das ganz anders machen, sehen und können. Und dies ist auch keine Absage an die Männer. Ich könnte mir vorstellen, daß es für sie in Puncto Toughness eine Menge Fallstricke gibt, die sie in einem Käfig festbinden. Etwa, daß sie glauben, es wird von ihnen im Tiefsten erwartet, sowieso tough zu sein. Dass das zum Testosteron unbedingt dazu gehört: sich durchzusetzen, immer zu wissen wo es für sie langgeht und diesem weg ohne Kompromisse und Verluste zu folgen. Was für ein Stress...

Ich will niemandem weiß machen, daß wir im Privaten wie im Job die Attribute der Kraft, des Willens, der sich durchzusetzen vermag, der Abgrenzung niemals brauchen. Und ich selbst konnte mir in meinem Beruf auch nicht leisten weichgespült zu sein. Ich glaube nur, daß es einen feinen aber entscheidenden Unterschied gibt:

Wer tough ist, bedient Fronten. Kämpft gegen jemanden statt für etwas. Ist schneller blind für die Argumente und Bewegung auf der anderen Seite. Diese Energie entsteht in meiner Wahrnehmung sehr selten aus einer wirklich souveränen Position. Sondern meist aus Misstrauen. Aus der Option und Angst heraus, auch verlieren zu können. Ist das falsch? Wahrscheinlich nicht. Aber egal in welchem Prozess, ist es schöner, wenn sich am Ende alle als Gewinner fühlen. Das ist meist auch für die Sache an sich besser.

Es gibt sie diese zarte Gratwanderung bei der wir achtsam und dennoch unumstößlich sind. Dem Gegenüber als Mensch offen und zugewandt sind aber kompromißlos in unserem Standpunkt. Dieser Pfad braucht Übung, Courage und Bewusstsein. Mehr Mut tatsächlich als tough zu sein, weil die Bewegung nicht so oberflächlich und eindimensional – und damit schwieriger – ist. Aber er lohnt sich. Nicht nur, weil wir ohne Fronten deutlich müheloser unser Ziel erreichen. Und kein Kollateralschaden entsteht. Tough zu sein, macht etwas mit allen, die diese harte Entschiedenheit spüren. Das Gegenüber fühlt sich angegriffen. Eventuell verletzt. Aber auch der, der sie aussendet behält einen Teil der Härte in sich. Und die Überzeugung, dass latente Aggression zum Erfolg verhilft, verfestigt eine Abwesenheit von Vertrauen. Das macht auf die Dauer sicher nicht entspannt. Schon gar nicht glücklicher.

Deshalb siegt für mich ein vermeintliches Paradox: wirklich durchzugsstark sind wir, wenn wir den Mut haben geschmeidig zu sein. Und tough ist ganz schön schwach!

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