• Werner Braun

Hilfe! Gefühle!


Emotionales Selbstmanagement - wie gut kann ich mich in diesen Zeiten selbst regulieren und wie können Menschen die ich führe davon profitieren? Und wird am Ende die Krise eine Möglichkeit gewesen sein meine Evolution und Entwicklungsmöglichkeit im Umgang mit Emotionen zu verbessern?


Ich weiß nicht wie es Ihnen in diesen Zeiten ergeht. Ich gehöre noch nicht zu einer definierten Risikogruppe, die aktuelle Krise hat mich gesundheitlich und existenziell nicht unmittelbar bedroht. Ich muss nicht um meinen Beruf oder Familienmitglieder bangen, eigentlich geht es mir gut. Eigentlich.


Der Einkauf mit Maske, das Abstandhalten von Familienangehörigen und Freunden und der „Informations-Overkill“, (ich bin bekennender Nachrichtenjunkie) lösen dennoch bei mir regelrechte Stimmungsschwankungen aus.

Das Gefühl von Angst und Gefahr sitzt mir im Nacken. Die Ungewissheit empfinde ich genauso als Bedrohung wie die fremdartigen Anblicke in der Öffentlichkeit, egal wie bunt die Masken zwischenzeitlich sind. Bisher ungekannte visuelle Reize bringen mich in Anspannung.


Mir ist klar: diese Emotionen lenken, mobilisieren und rauben auch Energie. Wie kann ich also meine Denk- und Handlungsfähigkeit durch die bewusste Regulierung dieser Emotionen beeinflussen - quasi wieder das Steuer übernehmen?


Meine Gedanken stehen in einer permanenten Wechselwirkung zu meinen Gefühlen und meinem Verhalten - jeder Punkt beeinflusst den Anderen.

Um meine Gefühle auf lange Sicht bewusster zu steuern hilft es sicher, das Phänomen „Emotion“ etwas genauer unter die Lupe zu nehmen:

Unsere Gefühle entstehen durch das eigene Bewerten von Situationen - hochindividuell und beeinflusst durch frühere Erfahrungen und Erlebnisse.

Der evolutionäre Nutzen von Gefühlen ist klar erforscht: Sie veranlassen unseren Körper nach unseren Wahrnehmungen und Bewertungen zu handeln. Sie mobilisieren die erforderliche Energie und machen unsere Reaktionen auf diese Weise entschiedener, wirkungsvoller und erfolgreicher.

Die Evolution hat über hunderttausende von Jahren an der Justierung unseres Gefühlslebens gearbeitet, damit wir in möglichst vielen Situation überleben.

Ein klassisches Beispiel ist das des Säbelzahntigers: Das Ungetüm, welches wir beim Verlassen unserer Höhle erblicken, löst bei uns klar gesteuert über Gefühle entweder Flucht oder Angriff aus. In diesem Fall wahrscheinlich: Angst. Und das schon seit tausenden von Generationen.


Soweit so gut, aber wozu brauchen wir diese Emotionen heute? Sie helfen uns, dass wir uns im Alltag orientieren können. Viele Entscheidungen treffen wir aus dem Bauch heraus. Und zwar ständig, ohne dass uns das jedes Mal bewusst ist.

Ich kenne das genau: selbst wenn ich nochmals rational abwäge, ist es häufig der erste Impuls, der mich zu der vermeintlich richtigen Entscheidung bringt.

Niemand muss Gefühle fühlen lernen. Diese Kompetenz ist uns bereits ins Erbgut geschrieben. Wir haben also ein von der Natur fertig geschnürtes Bündel zum (Über-)Leben.

Die Pakete packen wir aber in der Regel nicht selbst aus. Vielmehr braucht es stimulierende Situationen, damit sie sich entfalten.


Biologisch ist das Ganze im ältesten Teil unseres Gehirns angelegt: in der Amygdala als Teil unseres limbischen Systems. Die Hirnforschung macht gerade in den letzten Jahren enorme Fortschritte. Heute wissen wir viel mehr über den oben genannten Zusammenhang von Gefühlen, Gedanken und Verhalten.


Ich bin mir zwischenzeitlich klar darüber, dass meine Gefühle Feuermelder sind, mit denen ich geboren wurde. Mir ist auch klar das sie oft sehr intensiv und kraftvoll sein müssen. Die kräftigsten von ihnen - Freude, Wut, Angst, Ekel, Traurigkeit- bewegen mich Handlungen zu beginnen oder zu beenden.

Ich empfehle hier gerne den wunderbaren Animationsfilm: „Alles steht Kopf“…


Derzeit erlebe ich, dass Kernbedürfnisse verletzt werden. Meine Autonomie wird eingeschränkt, ich weiß nicht wie es weiter geht, wie lange der Zustand der Unsicherheit anhält und ich kann derzeit nicht so leben wie ich es kenne. Das löst starke und ambivalente Gefühle bei mir aus.


Diese belastenden Emotionen zu regulieren ist ein Ziel von emotionalem Selbstmanagement. Und das brauchen wir nun mehr denn je um solche herausfordernden Situationen zu meistern. Jetzt geht es darum sich selbst zu empowern.

Als Führungskraft sollte ich diese Fähigkeit entwickeln. Nur dann kann ich auch mit den Emotionen meiner Mitarbeiter umgehen. Auf keinen Fall sollte ich sie negieren oder unter den Tisch kehren. Sie werden wieder hochkommen - dann meist noch heftiger.


Selbstführung kommt also vor der Führung von Mitarbeitern. Aber wie gut bin ich heute in der Lage mich zu beobachten und auch wahrzunehmen welche Gefühle da im Spiel sind?


Hier meine persönlichen Top 10 Tipps zum Umgang mit Gefühlen und für das Erreichen von emotionaler Ausgeglichenheit:


1.) Emotionen bewusst wahrnehmen, unterscheiden und benennen können.

2.) Den Auslöser finden: was genau macht mir Stress an der Situation?

3.) Die Emotionen achtsam wahrnehmen und akzeptieren. Anstatt „Ich will mich so nicht fühlen“ besser: „Es ist okay wie ich mich fühle!“ Ich beobachte das Gefühl weiter, wie es sich verändert

4.) Emotionen sind etwas Normales! Auch in Heftigkeit und immer mit der Gewissheit: Anderen geht es genauso!

5.) Das bewusste Formen von Alternativen, selbstberuhigenden Gedanken („bleib ruhig“, „mach langsam“)

6.) Konkrete Verhaltensänderung in der Situation (d.h. etwas bewusst anders machen, gezielt etwas tun das mich beruhigt oder die Situation verbessert)

7.) Einsatz von körperlicher Entspannung - Körper, Muskeln, Atmung entspannen - natürlich auch Bewegung und Sport

8.) Einsatz von inneren Bildern, die mich an frühere Situationen erinnern, die mir Ruhe, Kraft und Sicherheit gegeben haben.

9.) Austauschen mit anderen - nicht nur über Sachlagen sondern auch über das Gefühlseben

10.) Gefühle trainieren! - auch wenn es platt klingt hier stimmt es definitiv: „Was mich nicht umbringt, härtet mich ab.“

Für alle Führungskräfte und Manager: Scheuen sie sich nicht die Frage an Mitarbeiter zu stellen: „Wie geht es Ihnen in der Situation?“ - noch besser: „Wie fühlen Sie sich gerade?“.

Das ist keine Gefühlsduselei, kein Psychokram oder „Weicheierei“. Es ist das echte Interesse am Menschen - und der wird nun einmal von seinen Gefühlen gesteuert. Ob wir das wollen oder nicht und gerade in diesen Tagen.


Werner Braun





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